Station 1 - Tränenfall

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Jochen Schweizer Videokunst Lichtinstallation Projektion Kollage Compositing Klang supra-media-art Performance

 

 

Text2

umjubelt von den wesen der erde
werden die führer erwartet
und bedürfnisse erfüllt

kräftiger arm der massen
trägt alle hoffnung
der augenwischerei

gepflastert vom glauben der seelen
werden wege geebnet
und intentionen verhüllt

ersehnt nicht auch ihr
das lamm im gekreuz der extreme?

TEXTE

Text1

den tränenfall betrachten
aus der ferne
resignierte weltohren

es trauert die angst

das unerhörte befiehlt
dem untertan:

friss dich auf!

da naht der knüppelbeinantrieb
mit hoher geschwindigkeit
dem handhabbaren
kraftwinkel folgend

gesteuert
durch die visionen
einer der erde
entwachsenen göttin



Eläuterungen

Leiden als Schicksal des Lebens.

Die Ankunft des Säuglings wird von Toth, dem ägyptischen Gott der Magie und Zeit, registriert. Er notiert die Taten des vergangenen Lebens. Ein Fries. gebildet durch die 14 Richter des Totengerichtes (Psychostasie) krönt die Szene. Der Säugling ist keine tabula rasa, er bringt Erfahrungen und Wissen, kodiert als psychische Struktur seiner Seele, mit. Im Brennpunkt eines riesigen Parabolspiegels, der, gekoppelt mit zwei brustartigen Abhöreinrichtungen, den Schrei des Menschen erwartet, schwebt der Ankömmling schwerelos wie im Mutterleib und erwartet sein Schicksal. Die göttlichen Hände, gespeist durch reine Energie, richten seine Flugbahn aus und lassen den Knüppelbeinantrieb, die Tatkraft herbeieilen. Isolatoren, Transformatoren und Hochspannungsleitungen, deuten auf den energetischen Charakter dieser Aktion. Das Herz, als Symbol der Liebe, ist in diesen Energiekreislauf in Form einer Energiepumpe zugeschaltet. Aufgefasst als Sender emittiert der Parabolspiegel diese Kraft und umgibt damit den Säugling.
Diesem erscheint die unverständliche, merkwürdige Welt, wie eine kalte und technische Bedrohung, als Wüste der Einsamkeit, in der er sich verloren wähnt. Er ist den in ihr waltenden Kräften scheinbar schutzlos ausgeliefert. Diese Haltung zieht sich wie ein roter Faden durch die Irrgänge des Lebenslabyrinthes und begünstigt genau die Erfahrungen, die diese These bestärken. Erst die Bewusstwerdung einer der individuellen menschlichen Psyche innewohnenden Erwartungsstruktur, lässt auf ei-nen Ausweg hoffen.
Im kargen Erdboden findet sich die Göttin Morgana, das Symbol der Urmutter. Sie entwächst dem Sinnbild des Leidens, dem Turiner Grabtuch, welches sich der Querachse des Kreuzes anschließt. Das Kreuz ist gestaltet aus der vertikalen Achse eines Beatmungsgerätes, den Odem Gottes verdeutlichend und der horizontalen Achse zweier Geldnoten, die die Materie symbolisieren. Darauf das geflügelte, geschlachtete Lamm, Metapher für den geleisteten Opfertod Christi.
Sobald sich Materie manifestiert, ist sie lebendig und damit an Sünde und Leiden gekoppelt. Der Mensch ist aufgefordert das Leiden anzunehmen, denn nur das Leid zwingt den Menschen zur Entwicklung. Die völlige Aufhebung des Leidens ist nur möglich im Nichtsein, im Nirwana. Der von Buddha aufgezeigte Weg führt über Wunschlosigkeit und Entsagung dorthin. Betrachtet man das Leben jedoch als Geschenk und Chance, beinhaltet es alle Facetten der Erfahrung, leidvolle wie freudige.
Hinter dem vom Mitleid gebeugten Protagonisten zeigt sich der Elektrozaun eines Internierungslagers, einem Symbol des Leidens schlechthin. Gleichzeitig verneigt er sich vor der Erhabenheit der Schöpfung und richtet seinen Blick auf die erdbodengleiche Urmutter, als dem Grund des Seins.

 

 

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