Station 7 - PROTHESENARTIG

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Jochen Schweizer Videokunst Lichtinstallation Projektion Kollage Compositing Klang supra-media-art Performance

 

 

Text2

geflügeltes wesen findet haltung
sowie
irdenen kontakt

elektrische verstrebungen klammern
zusammen den leib
androgynität
erhebt den horizont
und bildet
brennpunkte der aufmerksamkeit

so entgeht
der doppelmund
dem schwebenden schicksal
der entfessellung

magnetische irrungen allerorten



TEXTE

Text1

2facher mensch durch amputation
zum fliegen verdammt
es nährt die angst das gesetz

blendendes lächeln
dem körper entsaugt
richtet die flugbahn
irrfunkwellen tönen das all

prothetische reihung bewölkt
die weite zeit halb
doppelmundschreie
in der roten
region





ElÄuterungen

Einschränkung als Chance.

THOTH, der ägyptische Gott der Magie und Erfinder der Zeit, hält den Kopf des androgynen Doppelmundmenschen in fester Umklammerung. THOTH´s Maße blockieren den freien Durchflug des Menschen durch die am Himmel schwebende, von unseren Vorfahren gewebte Handlungsmusterlücke. Überlebenskrücken unserer Ahnen, in Gestalt nach außen projizierter Archetypen, versperren den Himmel, das Symbol des freien Willens. In unserem Unbewussten gespeicherte Erfahrungen der Vorfahren, die uns beherrschenden Kopfgottarchetypen, werden durch THOTH, der während des Totengerichts die Handlungen des gelebten Lebens aufzeichnet, symbolisiert. Diese Aufzeichnungen wirken wie ein Imperativ auf das Individuum und determinieren seine Entwicklung. Das innere Gesetz, jeder Freiheit spottend, hindert die Erkenntnis und erschwert den Weg der Individuation.
Wie ein rotes Massiv bedeckt ein Frauenantlitz den unteren Teil des Bildes und formt damit den eruptiven Mutterboden auf dem sich das Szenario entwickelt. Mutter Erde lächelt, als Zeichen des Wohlwollens und zeigt sich geschminkt, ein Bild der Schönheit. In ihrem Auge, das gespiegelte Bild eines puppenhaften Säuglings. Ihre Intentionen sind gut, jedoch aufgrund gegebener Bedingungen nicht offensichtlich. Diese Tatsache muss erst durch leidvolle Erkenntnis erfahren werden.
Der Doppelmundmensch stellt ein Bild der inneren Welt dar, die sich hier auf der persönlichen Ebene abzeichnet. Er ist wie ein Bild des inneren Körpers aufzufassen. Seine Notlage, in Gestalt seiner individuellen Andersartigkeit (vom Rumpf getrennte Glieder, Androgynität) verdammt ihn zu geistigen Flügen. Fluch und Segen zugleich.
Die Nabelschnur, als Verbindung mit dem Muttermund, verdeutlicht den gegenseitigen Informationsaustausch und damit die gegenseitige Prägung, die Wechselwirkung. Gleichzeitig fungiert die Schnur als Verankerung, das Entschwinden des geflügelten Wesens in höhere Sphären verhindernd. Seine Glieder werden durch Stromleitungen notdürftig zusammengehalten. Sie erscheinen als Sinnbild für die den Körper durchströmende Energie, repräsentieren aber auch, aufgrund ihrer gliederverbindenden Anordnung, die individuelle Strategie des Menschen, auf Beschränkungen zu reagieren. Am Korpus wiederholen sich Projektionen der Leitungen in Form von Stigmata oder Brandmalen. Die in die Welt gerichtete Struktur des Körpers wirkt auf ihn selbst zurück.
Der beängstigend wirkende grüne Dämmerungshimmel weist auf die unvorhersehbaren Aspekte der Zukunft, deren Bedrohlichkeit nur im Einverständnis mit dem Sein gemeistert werden kann. Ein Sendemast, der Erde entwachsen, überflutet diesen Raum mit seinen Programmen, mit Lebensentwürfen. Sie bilden das Labyrinth der individuellen Erfahrungsmöglichkeiten und deuten auf den weiteren Lebensverlauf, im Sinne eines gleichermaßen begrenzenden wie schützenden Rahmens.

 

 

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