Station 8 - ZURFLEISCHSTELLUNG

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Jochen Schweizer Videokunst Lichtinstallation Projektion Kollage Compositing Klang supra-media-art Performance

 

 

Text2

beispielsweise verkettungen -
schutzkapselfiltrat der sichtung
im blätterherbst des entzückens

gütesiegel der öffentlichkeit -
gedemütigt und erhaben
das los der seismischen irrungen

verflucht aber getragen -
als frischwarenliebe der freiheit
darf´s sonst noch was sein?



TEXTE

Text1

der vorüberziehende gestirnkrater
streift nahezu das rippenkreuz -
sein fleischvoller riss

deutet
auf unachtsamkeit
des navigators

es folgen einem plan
zusammengewürfelte fleischstücke
um ausserhalb
knapper bedeckungen
mehrere körper
zu formen

die schnur stellt
eine verbindung her
indem sie sich zwischen
haut und fleisch aufhält -
gefordert von den instanzen
der triebe

eine ansammlung von
nicht tragbaren augen
dient voyeuristischem
vergnügen
sowie
der gedachten warteachse
als krönung

ElÄuterungen

Sexualität als Ware.

Sechs Personen in einem Kreuzgang. Das gotische Kreuzrippengewölbe besteht nur noch aus den tragenden Konstruktionselementen. Eine kalte Atmosphäre. Das ehemalige Heiligtum, Sinnbild des Glaubens und christlicher Moralvorstellungen, zerstört und entweiht. Der Boden ist übersät mit den üblichen Sexkontaktanzeigen einer Zeitschrift.
Die Frau im Vordergrund, gefesselt und geknebelt. Die knappe Bekleidung wirkt aufreizend. Ihre Haut entpuppt sich als marktübliches, in SB-Folie eingeschweißtes Fleisch, gefriergeeignet. Frauen erscheinen hier als Marktware, ihren Wert dem Kunden anpreisend. Wer will sich diesem aufreizenden Angebot widersetzen? Sexualität und Lust, vielleicht auch vermeintliche Liebe (das Herz an der Wand), als Ware. Täter und Opfer sind austauschbar. An der Mauer liegen Fleischbrocken, Überreste einer sexuellen Handlung oder Symbol der durch Prostitution zerstörten Frau? Auch ein Hinweis auf die Nähe von Nahrungsaufnahme und Sexualität.
Weiter hinten im Gang, angekettete Frauen vor einem an der Wand befindlichen Labyrinth. Zeichen für die verschlungenen Gänge der Lust. Im Zentrum die Venus von Willendorf, einem Fruchtbarkeitssymbol.
Der Sexualtrieb ist, wie schon vor Tausenden von Jahren, auch im „zivilisierten“ Menschen noch stark aktiv. Ihn zu negieren oder gar zu verdrängen, bringt für die Welt keine Entlastung. Es müssen Mechanismen des Umgangs mit dieser Energie entwickelt werden, die es den Beteiligten ermöglicht, sie auszuleben, ohne Anderen zu schaden. Die zunehmende Erotisierung unserer Umwelt, hochgepuscht durch Medien und Werbung, scheint keine Entlastung zu bringen. Liebe wird gleichgesetzt mit Leidenschaft. Perversionen werden gesellschaftsfähig.
Nicht der moralisch erhobene Zeigefinger wird hier erhoben, sondern die Übernahme von Verantwortung soll propagiert werden. Der Mensch muss die Antworten der Wirklichkeit, auf seine in die Welt gebrachten Intentionen, zu tragen bereit und sich dieser Zusammenhänge bewusst sein. Die Auswirkungen der psychischen Konstitution des Menschen auf seine Welt und die für jeden Einzelnen zu tragende Verantwortung für ihren Zustand, muss in aller Deutlichkeit betont werden.
Der Betrachter des Bildes wird unbeabsichtigt zum passiven Beobachter und zum Mitwisser, er wird dadurch auch Mitverantwortlicher der Gegebenheiten.
Die über dem Gewölbe schwebenden Augen dagegen, sowie die Videokamera, repräsentieren die Augen des "krankhaften" Voyeurs. Er will sehen, zeigt Verlangen nach nacktem Fleisch. Ihn trifft die Verantwortung der aktiven Tat.

Über der Szene am nächtlichen Himmel, ein riesiges Gestirn, das in geringer Entfernung die Erde umkreist. Die Planeten, als Wohnsitz der Götter, geraten aus ihren Bahnen, nachdem der Mensch sie aus dem Himmel verbannte. Das Ende der Welt und jeglicher Zivilisation scheint nahe, angesichts solcher Bedrohungen!

 

 

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