Station 9 - INDIVIDUALVERSCHLAUCHUNG

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Jochen Schweizer Videokunst Lichtinstallation Projektion Kollage Compositing Klang supra-media-art Performance

 

 

Text2

glaubensfundamente bröckeln -
elektrisierende klarheit

das schlucken chemischer informationen
inbegriffen

verkettungstendenzen wachsen -
geknebelte freiheit

kontrollorgane entfesseln sofortige
blutwäsche

angstbelichtungen warnen -
zersplitterte einheit

im weihwasserbecken der ertrinkenden
zukunft



TEXTE

Text1

das schädeldach fordert
den einfluss
und die schlauchförmige wunde
gehorcht rot –
bildet verschiedene
ausserkörperliche verbindungen

ein gepflanzter gedanke
keimt heran
und der unterdrückte schmerz
schnellt vor –
erbarmungslos
seine taten besudelnd

ein weiter augenblick
weist ohne hoffnung
in die vordere zukunft
kachelgeschrei -
automatisch
den ohren verborgen

das gestern verkettet
seine kreationen
mit dem endlichen sein -
sanfte vision
eines genusses
von erlesener abhängigkeit
der rotfilm kondensiert
oberflächlich
und das flüssige übernimmt -
zeigt fähigkeit
den aggregatumstand
zu erschweren

ledern und zäh:
der gestrandete materiespiegel

ElÄuterungen

Leid als Mittel zum Zweck.

Schmerzhaft die Einsichten des Lebens ertragend, von den Welten anderer genährt und sie labend, findet sich ein Mensch im Fruchtwasser der Existenz. Die Verschlauchung und Verkabelung als Zeichen des Austauschs, wobei auch Erfahrungen der Vorfahren verschlüsselt als strukturelles Erkenntnismuster in der Individualpsyche vorliegen. Über das Unbewusste ist der Mensch verbunden mit dem kollektiven Wissen der Welt. Der Energiestrahl entlädt sich über die Ohren, Hinweis auf die Bedeutung des Wortes (Im Anfang war das Wort).
Wunden, die ihren Ursprung in der Seele haben, indem das Wesen eine bestimmte Haltung gegenüber seiner Welt einnimmt, überziehen den Kopf und pflanzen sich als leidvolle Emotionen im Bauch fort, den Lebenssaft entsaugend. Mit vor Schreck weit aufgerissenen, starren Augen, schreit der Mensch sein Leid in die Welt. Im Gully seines Schlundes finden sich die Pillen der temporären Erlösung: Drogen unsd Medikamente als Krücken zur Bewältigung des Lebens. Versteinert, zur tragenden Säule der Weltfassade erstarrt, weitere aufgesperrte Mäuler. Sinnlose Verhaltens-Muster werden zu tragenden Elementen der Handlungen.
Der Spielraum des Opfers ist gering, Ketten beengen seine Freiheit. Es ist nicht in der Lage den Arm des Ertrinkenden zu ergreifen. Doch obwohl diese Höllensicht des Leidens lebensbedrohlich wirkt, findet der Mensch die Gelassenheit eine Zigarette zu rauchen. Er scheint ein Vergnügen, eine Befriedigung darin zu finden, die Welt auf diese Weise zu reflektieren. Als Opfer trägt er vermeintlich keine Verantwortung für seine Erfahrungen und den Zustand der Welt. Die Ölbohrplattform und das Kriegsschiff weisen in diese Richtung, die durch Ausbeutung und Macht gekennzeichnet ist.
Vor den Trümmern der materiellen Welt erscheint die bröckelnde gotische Fensterfassade, erschaffen durch den Glauben und zerstört durch den Materialismus, wie ein Relikt ferner und unerreichbarer Größe, ein Symbol des Wunders, durch den Glauben vollbracht.
Auf der linken Seite befindet sich eine Art Schutzgeist oder Engel, als Zeichen der Geborgenheit und des Vertrauens in übergeordnete Mächte.
Rechts, gut getarnt der Wächter des Blutes, eine Mücke, der Gegenspieler, der Teufel der die Menschheit auszusaugen droht. Beide, Engel und Teufel sind Ausdruck eines Glaubens an überlegene, höhere Mächte, die uns unserer Verantwortung gegenüber der Welt entbinden.

 

 

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