Station 13 - SCHALTKREISLAUF

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Jochen Schweizer Videokunst Lichtinstallation Projektion Kollage Compositing Klang supra-media-art Performance

 

 

Text2

forderungsnotwehr der ansicht :
befehle streben ins dasein
schuldmindernd
und leichter als tat

nebenschauplätze
flankieren gezwungen
sowie aus gründen der symmetrie

schaltkreisverläufe der ahnen:
ursachen erwirken haltung
selbstsichernd
und per dekret

jubelarmträger
vereinen denkend
sowie unbewusst zeugende kraft



TEXTE

Text1

mit armen empfangen
gekrönt und
von den hütern notiert:
ein phänomen
offenbart sich der verehrten familie

der welt verbunden
gefangen und
im netz der betrachtung:
die komplexität
enthüllt ihre üppigen gesichter

erlesen die gaben
vieldeutig und
nicht ohne grund
das himmelreich -
erlauscht den atem der nacht

ElÄuterungen

Die Familie und ihre psychische Entsprechung.

Das Gemälde eines unbekannten Meisters der Brügger Schule um 1540, welches die heilige Familie thematisiert, bildete die Vorlage für diese Station. Maria, Josef, Jesus und Engel, sowie Landschaft, Farbe und Form, boten für die Betrachter des ausgehenden Mittelalters genügend Identifikationsmöglichkeiten, um die eigene Welterfahrung im Bild nachzuvollziehen. Der Glaube an Gott, Engel und Teufel war fester Bestandteil des täglichen Lebens. Der tiefer liegende Sinn, Ausdruck einer höheren Weltordnung, wurde intuitiv erfasst. Heute lassen sich diese Inhalte psychologisch deuten und die Figuren werden zunehmend nicht als eigenständige Wesen der Außenwelt, sondern als projizierte Phänomene der Seelenwelt verstanden.
In diesem Zusammenhang erscheinen die beteiligten Figuren als personifizierte Komponenten einer ausschließlich in der menschlichen Psyche abgebildeten Realität. Sie sind Urbilder, Archetypen psychischer Dispositionen, Seelenbilder innerer Zustände und zeigen in dieser Funktion ihre nahe Verwandtschaft mit den historischen und antiken (Vor)Bildern.
Die zentrale Figur, heller erstrahlend als alle anderen, verkörpert das weibliche Prinzip, die Urmutter, die Muttergottes, Maria. Sie wirkt wie verkleidet und ihr Antlitz verbirgt sich hinter einer Augenmaske. Dies ist die Anima, zu welcher sich der Protagonist, das bewusste Ich, in einer Art Hassliebe wendet. Er übergibt ihr sein Herz, sein größtes Opfer, denn die alles verschlingende Urmutter, gleich einem verzehrenden Feuer verlangt danach. Schützend hält das Ich eine Hand vor die Brust, die Gebetskette belegt den Glauben an die Göttliche. Die herzspendende Hand zeigt sich verletzt, eine Krone ziert einen Finger, Hinweis auf die sexuellen Triebe, die die Animaprojektion zu entfachen in der Lage ist. Das Gesicht des Protagonisten wirkt gespalten, widerstrebende Kräfte finden sich im Ich zwanghaft vereint. Diese Kräfte materialisieren sich als beflügelte Wesen, als Engel oder Teufel. Der Eine mit offenem Gehirn, Augenmaske und übergroßem Mund, eine groteske Gestalt der Lächerlichkeit: die Ratio, der Intellekt. Der Andere wild, ungebändigt und erschreckend: das Irrationale, der Trieb, die Emotion. Beide stehen eng beisammen, die Arme überkreuzen sich und präsentieren eine Spritze voll Blut, als Leiden der Welt und Dantes Buch, als geistige Nahrung.
Sämtliche Hauptdarsteller, ja selbst die Landschaft: Alles ist durchfurcht vom Schaltbild einer elektronischen Schaltung, Synonym für die Verbindung unterschiedlicher Komponenten zur sinnvollen, übergeordneten und funktionierenden Einheit.
Über dem Kopf der Anima, als ironische Anmerkung: die Trinität des Frankfurter Messehochhauses, den neuen Gott, das Geld, feiernd. Ganz oben endlich, der Ausblick in das Elysium des Himmels.

 

 

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