Station 16 - BRÜCKENSCHLAG

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Jochen Schweizer Videokunst Lichtinstallation Projektion Kollage Compositing Klang supra-media-art Performance

 

 

Text2

das flügelwesen erbarmt sich
sein blick bohrt sich grün
in die seele des ertrinkenden

doppelmundwinkel erkennen:
die vergebung der welt

helfende hände lächeln
finden reissenden grund
im wohlwollenden gestirnhimmel

augenfilter verkünden:
die krönung im fleisch

eine fahrgastzelle entfernt sich
durch den mittleren punkt
verlässt die lebenskonstruktionen

weltenenden verknüpfend:
dazwischen das sein



TEXTE

Text1

von ferne gesteuert und dem
leben geweiht:
die erwartete frucht
wird der heimat entschlossen -
es streckt sich der mensch
im asphaltglück
der bahn

gefesselt an den stützen
der pflicht
entnimmt der wächter des blutes
dem ankömmling
sämtliche schreie
das gestänge der sehnsucht
bewacht seinen weg

sobald eine zeit
dringlich erscheint
wird die beute des lebens
reiflich der wonne vergeben
die danksagung
an den vogelgott
mitgerechnet

im schoß der gehilfin
ertrinkt ein schrei
damit enttäuschungsblasen
hoffend schlagen
gegenfirmamente
finden mehrfach
kein verhallen
und der rausch des feuchten
überdeckt das all

ElÄuterungen

Leiden als Lebensentwurf.

Auf der über das Chaos des Seins führenden Brücke des Lebens, getragen von den Pfeilern kosmischer Gesetzmäßigkeiten, wird ein Wesen geboren. Helfende Hände beklagen dessen leidvolle Erfahrungen, die in Gestalt eines die Eingeweide entreissenden, geflügelten Untieres auftreten. Der neugeborene Doppelmundmensch stößt unhörbare, aber sichtbare Verzweiflungsschreie aus, die der an die Gesetze gebundene Wächter des Blutes (eine Riesenmücke), mithilfe seines Parabolmikrophones registriert. Umgekehrt fließen Kräfte von dort zum Doppelmund des Neugeborenen, um die Verbindung der Vorfahren mit den Worten, also den Ideen und ihre innewohnende Schaffenskraft aufzuzeigen. Der Wächter stellt das Lebenskonzept dar, welches der Mensch von seinen Ahnen übernommen hat und das in gesetzmäßiger Weise seine Welterfahrung bestimmt. Es kann durchaus hilfreich sein, die Ahnen, in ihrer Funktion als Schutzgeister um Hilfe zu bitten. Ahnenkulte werden erfolgreich von den Anfängen der Menschwerdung bis in die heutige Zeit praktiziert.
Der verdoppelte Mund signalisiert die Tatsache der mehrdeutigen Äußerungen hinsichtlich der Wirklichkeitsauffassung des Menschen: Einerseits übernimmt er die ihm durch die Ahnen angetragene Rolle, als Teilhaber eines übergeordneten Systems, aus eigenen Intentionen, schreit aber andererseits sein Leid in die Welt und bemüht sich um das Mitleid derer, die ihn zu tragen bereit sind (Arme). Die Hand bedeckt seine Augen, Zeichen für die gewählte Blindheit gegenüber seiner Selbstverantwortung. Dieses Lebenskonzept baut ihm eine der vielen möglichen Brücken über die Abgründe des Seins, an deren Ende oder Ursprung das Zentrum des Labyrinthes erscheint. Gleichzeitig bildet es den Schoß des göttlichen weiblichen Prinzips, der Muttergöttin, mit den liebenden Herzaugen. Eine Nabelschnur, ein Schlangensymbol, zeigt die Verbindung mit dem Muttermund, der die Frucht ins Leben überantwortet.
Der gewählte Weg des Leides überträgt die Schuld der Leidenserfahrung einem Gegenüber, sei es nun einem Gott, den widrigen Umständen, den Eltern, der ungerechten Welt, oder wem auch immer. Das instinktive Abweisen der Verant-wortung ist eine aus der Schwäche geborene Handlungsweise. So hofft der Mensch seiner tatsächlichen Verantwortung, die er nicht zu tragen sich befähigt fühlt, zu entgehen. Der Preis dieser Haltung ist unsägliches Leid, welches nur geheilt werden kann, wenn die Verantwortung für das eigene Er-Leben übernommen wird.
Ungerührt wendet der Protagonist seinen Blick ab. Vielleicht weiß er um die dargestellten Zusammenhänge oder aber er meidet den Anblick des Leides, um nicht seinerseits verantwortlich handeln zu müssen. Seine Aufmerksamkeit schenkt er dem Abgrund des Seins.

 

 

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