Station 19 - FLUGANGSTPHASE

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Jochen Schweizer Videokunst Lichtinstallation Projektion Kollage Compositing Klang supra-media-art Performance

 

 

Text2

partikelwellen im angstfeld
sendungen rund um die uhr
salzgebäck am abend
und die vergänglichkeit fliegt mit

es schwingt der augenautomat
in eine neue position
gedankendruckwellen ertasten
eine animalische entsaugung

der raum kippt ab -
durch das gewicht der hindernisse
und der erfassten konstruktionen:
so kann das manöver gelingen



TEXTE

Text1

kontrolliert richtung saugrohr und
den vorschriften entsprechend:
die phase der flugwesen

von frömmigkeit geplagt
übermitteln verglaste gedanken eine korrektur
der gedachten flugbahn

vom umsichtigen körper gelockt und nur zur beachtung:
die entkleidung des hundes

durch träumen der welt
nebst schlimmerem
erschafft die eitelkeit
den gewünschten blickwechsel

als tägliches ritual und
lust erschleichend
zelebriert
die begierde
das heimliche insekt

zum dank an erlösung
und energische warnung:
pfeilkräfte
die von der
heiligen jungfrau
ausgehen

ElÄuterungen

Glaube, sowie die Unerfahrbarkeit einer objektiven Wahrheit.

Ein schwebendes, mit einem Flugapparat ausgestattetes Wesen, je nach Lesart, Freiheit, Phantasie oder Tod darstellend, steht in enger Verbindung zu einem Gehirn, welches sich eingeschlossen im Kolben eines Hochfrequenzsenders befindet. Das Flugwesen, ein an ein Röntgenbild erinnernder Körper, erscheint fast transparent. Sein Skelett, Metapher des Todes, ist deutlich zu erkennen. Eine riesige Pupille, die Sicht der Erleuchtung darstellend, formt den Kopf. Zwei Flügelfedern sind über einen Mechanismus mit dem entspannten Korpus verbunden, ein Symbol der Freiheit. Tod oder Phantasie, als Befreiung von der Knechtschaft des Lebens, erweisen sich als Illusion. Die enge Verkoppelung mit dem Gehirn, den Vorstellungen, belegt dies. Der Aufenthalt des Gehirns in einem Sender verdeutlicht die These, dass die Realität durch unsere Vorstellungen beeinflusst (geformt) wird. Die Flucht in eine spätere Zeit (Tod), oder auch in einen anderen Raum (Träumerei), wird der gegenwärtigen Situation, einem Zustand der räumlich-zeitlichen Wirklichkeit (RaumZeitKontinuum) nicht gerecht. Es gilt vielmehr dem das-was-ist (im Gegensatz zu dem das-was--wäre-wenn) in geeigneter Weise zu begegnen.
Der Himmel ist überzogen mit einem Gebet, dem Aufdruck eines Wallfahrtsouveniers. Der Glaube erweist sich als Voraussetzung zur Entleidung. Eine Warntafel über der Zellentüre mahnt vor seiner großen Kraft. Das zu entwickelnde Glaubenssystem ist individuell, beinhaltet aber einige begrenzende Rahmenbedingungen: die für Jeden geltenden Gebote, verbreitet über den Sendemast. Diese inneren Gesetze sind Teil des kollektiven Unbewussten, demnach Teil unseres Selbst. Missachten wir sie, richten sie sich (also wir uns) gegen uns selbst. Unsere Haltung bringt uns in Haft. Demnach verhilft uns nicht Flucht zur Freiheit, sondern einzig unsere korrigierte Haltung gegenüber den erfahrenen Tatsachen.
Der Flugkörper befindet sich auf der Lebensachse, zwischen Geburt, das nach unten weisende gekrönte Rohr, und Tod, die an der Wand gelagerten Knochen. Ein umgedrehter phallischer Körper erweist sich hier als Geburtskanal, von dem der Fliegende magisch angezogen zu werden scheint, die Verbindung mit dem Ursprung anstrebend. Die Lebensachse bildet gemeinsam mit den Flügeln ein Kreuz, Hinweis auf die Bedeutung unseres Glaubenssystems hinsichtlich der Interpretation von Wirklichkeit.
Ein dunkler Hund mit Menschenkopf, verfolgt aufmerksam den Flug. Er ist der Wächter, das eigene Gewissen, aber auch der Zweifel. Das Tier ist sowohl Beschützer, als auch Bewacher. Sein abgenagtes Knochenlager belegt: keine Gnade für die Beute seiner Fänge.
In der Ecke des Raumes, vor der Gefängnistüre, kniet, mit gespreizten Beinen, die Hühnerkopffrau, ein Opfer ihrer selbst erschaffenen Schlachtbank. Ihre Beine versinken in Notizen des Autors zum Bildinhalt, die Arme sind, wie zur Abwehr, erhoben. Ein monströses Insekt beugt sich über ihre Scham. Das Erlebte wird zum Maß der Dinge, zur Wahrheit, nicht die Beweisbarkeit der Existenz des Erlebensobjektes.

 

 

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