Station 21 - ASCHEFLUGKÖRPER

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Jochen Schweizer Videokunst Lichtinstallation Projektion Kollage Compositing Klang supra-media-art Performance

 

 

Text2

zeichen oder irrsinn
die leuchtspur wendet sich
nach innen
und das betonkreuz
erwacht zu neuem leben

so gerüstet erhört der turmbau
den lärm asynchroner reaktionen

sein leib erzittert
und sein wille geschehe
die heiligen
ausdünstungen der freude
sollen sich in die lüfte erheben

um sich am rande der erkenntnis
in flugasche zu wandeln



TEXTE

Text1

zum blutstrick zerwachsene seelen
stellen fragen
sowie
fallen der anatomie -
der schmerzriss
vernetzt sich mit seiner umgebung

fassadenhaft geschatteter akt
entzieht dem werk
die fensterblickgier

in himmel geworfene spiele
fordern antwort
sowie
gesten der resignation:
getrennte glieder
erfüllen ihre aufgabe

kopflos und mit zitternden knien:
der mensch wagt
einen überschreitungsakt

auf hanteln gekopfte falten
zeigen wirkung
sowie
mehrfache symmetrie
in einer spontanen erwägung

drahtseilbeton zum akteur:
bedenke mit sorgfalt
den fehlenden tritt

ElÄuterungen

Lebensweg als Balanceakt.

Das verwitterte Stahlbetongerüst des Kreuzes, an dem nur noch die Hände Jesu, als Relikte seiner Tatkraft, vorhanden sind, befindet sich in einer durch Wohnsilos und Industrie geprägten Landschaft. Die Raffinerie deutet auf wirtschaftliche Interessen. Humanitäre Belange treten in den Hintergrund. Der Himmel (Nachtsichtaufnahme Bagdad, desert storm) ist illuminiert vom Raketenbeschuss. Verlassen und trostlos, aber gewalttätig wirkt dieser Lebensraum, eine Hölle der Vereinsamung, Isolierung, Vernichtung und Zerstörung. Der Kontrast zwischen den christlichen Idealen und der dargestellten Realität könnte kaum größer sein.
Das Kreuz, mit seinen zwei Achsen von Zeit (horizontal) und Raum (vertikal) ist das Symbol der Materie und des allem Materiellen anhaftenden Leidens, dessen Überwindung der Mensch in einem Drahtseilakt zwischen Gut und Böse anstrebt. Mit hantelartiger Balancestange gewappnet, tastet er sich durch die Zeit. Die Hantelgewichte werden durch entstellte, die Stirnfurchen betonende, kopfartige Organismen gebildet, den positiven und negativen Aspekten der Realität, dargestellt durch die Plus- bzw. Minusanordnung der Augen. Jesus kann durch sein Leiden keinen anderen Menschen von der Sünde befreien. Jeder Mensch muss selbst die Konsequenzen seiner Handlungen ertragen und seinen eigenen Weg des Kreuzes gehen. Nur durch das Leid wird er zum Wachstum gezwungen und ist fähig zur Weiterent-wicklung in Richtung eines göttlichen Zieles.
Die senkrechte Achse des Kreuzes beherbergt über dem Metamorgana-Logo einen kleinen Muttergottesschrein, den weiblichen Aspekt, als prima materia (Grundmaterie), aus der alles entstanden ist. Darüber drei dunkle Schattenstreifen, die an die Streifen der Protagonistenjacke erinnern, hier aber auch auf die Trinität hinweisen. Darüber hinaus wird die Raumachse des Kreuzes in vier helle Bereiche unterteilt, den vier Elementen: Feuer, Wasser, Luft und Erde.
Ein rotes Netz verhängt den linken Bereich. Das achtäugige Flügelwesen hat sich darin verfangen, die Freiheit des Lebensweges durch die leidvolle Erfahrung einschränkend. Acht ist auch die Zahl der Wiedergeburt. In den tragenden Netzen des Glaubens erlebt der Mensch die Neugeburt seines Wesens.
Auf allen, zu jeder Wohneinheit gehörenden Balkonen befindet sich ein überdimensionales Ohr. Dies deutet sowohl auf gegenseitige Kontrolle, Überwachung und Beeinflussung, als auch auf die durch die Ohren wahrzunehmende Wortgewalt, die Propaganda, die Macht des Wortes, aber auch auf Worte der Bibel.
Ein gigantischer Schatten zeichnet sich auf der Hochhausfassade ab, der Schatten des Weltschöpfers, der seinen Schatten auf die Schöpfung wirft. Eine Person fliegt lächelnd vor den oberen Stockwerken, ob Selbstmörder oder Flieger, Tod oder Freiheit symbolisierend, bleibt unklar. Aus einem Fenster lehnt eine Person und wird Zeuge der Geschehnisse. Durch den Beobachter wird das Ereignis zur Wahrheit.

 

 

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