Station 22 - ABGRUNDKOMPLOTT

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Jochen Schweizer Videokunst Lichtinstallation Projektion Kollage Compositing Klang supra-media-art Performance

 

 

Text2

verkettung als selbstzweck
und dunkles erkennt sich im aussen

vollkommener ausdruck
stampft rhythmen der angst

animalische schwarzlust
der gläsern getürmten gebeine

panikattacken
umzingeln den tod

sehende augen
visionen erstarren zur reife

erblindetes leben
ertappt zwänge der nacht

unbewusster vorgang
zwei pole grenzen die wandlung

planetenwechsel
verlangt sichtung der kraft



TEXTE

Text1

endlos geschliffen
planetengleich
und voller kraft
die hornige haut ritzt muster

sein vater sind die sterne
seine mutter die gier
das feuer hat es
im bauch getragen
das abgrundkomplott
wird erde

die richtung pfeilend
unbegründet
und bodenlos
die zeichen der fahrenden hoffnung

augenblicklich erhöht
sich die ausdehnung
des zwillingsmenschen
und beleuchtet eine umgebung
von beiden seiten

entfernung verhindernd
eisenhart
und geworfen in rot
die zeit der ledernen anker

es trennen
zukunftsschatten
die erste bindung
und entketten den geist
vom gestrigen tag

ElÄuterungen

Hölle als Durchgangsort zum Himmel.

Der Protagonist, hier als Doppelwesen, befindet sich mit seinen Füßen auf dem Boden der Hölle. Unter seinen schweren Stiefeln lodert die Höllenglut, gespeist durch gläsern wirkende menschliche Beine, sowohl eine Anspielung auf den über-wundenen Knüppelbeinantrieb, der Antriebsenergie, als auch ein Hinweis auf die zu erleidenden Qualen der Hölle, aus der eine Flucht, zumal ohne Beine, ausweglos erscheint. Das der Hölle zugrunde liegende Schachbrettmuster lässt die möglichen Erfahrungen des Lebens wie ein Spiel erscheinen, in dem mitzuspielen wir gezwungen sind und dessen Regeln zu ergründen wir aufgefordert werden. Auf einer weiteren Bedeutungsebene ist diese Metapher ein Hinweis auf die Unmöglichkeit eines Lebens ohne Schuld.
Ketten verbinden die Beinstümpfe mit dem Restkörper, dadurch ist das Entschweben in höhere Sphären unterbunden. Unklar bleibt, ob der sich abzeichnende Schatten die Ketten verschweißt oder trennt.
Die Sicht des Doppelwesens beleuchtet die Vergangenheit und die Zukunft. Beide Augenpaare entdecken einen Planeten, auf dem sich der eigene Kopf abbildet. Der vermeintliche Blick in die Außenwelt, sowohl der vergangene, als auch der zukünftige, erweist sich als Projektion der eigenen Person auf die Welt.
Die Ausbreitung des Menschen erfolgt in der Gegenwart, vertikal von der Hölle zum Himmel, analog dazu aber auch horizontal durch die Zeit. Diese beiden Achsen bilden formal ein Kreuz, Raum und Zeit, als Bedingung des Seins und den damit verbundenen Freuden und Leiden.
Ängstlich geweitete Pupillen, formal das Planetenthema aufgreifend, lassen ein Gesicht erscheinen, das Gesicht der Angst. Unter einem Auge findet sich der von Botticelli illustrierte Höllenschlund. Dante stellte sich die Hölle als riesige Höhle unter der gesamten nördlichen Erdhalbkugel vor. Im neunten Höllenbezirk dem Grund des Trichters und dem Mittelpunkt der Erde vermutete Dante eine Eisfläche, den Sitz Luzifers. Im Bildhintergrund tauchen ethnische Symbole, sowie eine Zeichnung Botticellis zum 3.Gesang der Hölle auf.
Der gesamte Bildaufbau erscheint wie ein mittelalterlicher Bucheinband, mit dekorativen Verrankungen als Rahmen einer den Buchinhalt skizzierenden Illustration. Auf der linken und rechten unteren Seite finden sich Bildzitate aus Höllendar-stellungen Botticellis. Unterhalb des Hauptthemas, im eigenen Renaissancerahmen, die Wiedergeburt des Menschen, der, durch Höhen und Tiefen des Lebens schreitend, seinen Weg der Erlösung suchen muss.
Ein nach unten weisender Pfeil im linken Rahmenornament deutet auf die Richtung, die er bereit sein muss zu gehen, wenn er die höchsten Himmel erfahren will: durch die Tiefen der Hölle. Diese Anschauung findet ihre Analogie bei Dante: Am Eingang zur Unterwelt finden wir den Hinweis: „Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr hier eintretet.“ Trotz dieser Warnung betritt Dante das Jenseits, durchwandert zuletzt sogar das Paradies und kehrt wohlbehalten von seiner Reise zurück.

 

 

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