Station 24 - KULTURGERICHT

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Jochen Schweizer Videokunst Lichtinstallation Projektion Kollage Compositing Klang supra-media-art Performance

 

 

Text2

zeitträume dienen
dem denker als matrize
ahnentanz im modul des glücks

die klage erhebt
monotonen fall -
enthüllt einsicht den existenzraum
zu bewerten

im zeugenstand:
kündigung der wahrheit
irregeführt von der phase des blicks

das flügelschwein
grunzt unerhört



TEXTE

Text1

eine welt wird geboren
die sensationen
verteilen sich
in zwangsläufiger weise

das leiden weilt
im zentrum der nacht
und die schar
der metapulatoren wächst

konstruktionen erweisen sich
als haltbar
der sekretär notiert
den verhörten traum
der maskierung

es lächelt die göttin
der weltenmaterie

ElÄuterungen

Totengericht der Kultur.

In einer Industriehalle wird über einen mit einer Gasmaske versehenen Menschen gerichtet. Richterin auf ihrem Herrscherthron ist die Venus von Willendorf, ein Ursymbol der Weiblichkeit. Trotz der Verfehlungen des verzweifelten Angeklagten, zeigt sie ein freundliches, wissendes Lachen. Pharao Ramses der Zweite, zur assistierenden Schreibkraft degradiert, im Rollstuhl sitzend und mit einem Sichtgerät ausgestattet, neben ihr. Vor ihm ein Notebook, in dem die Verhandlung protokolliert wird. In dem vitrinenähnlichen gläsernen Schreibtisch liegt das Opfer, ein schutzloses, nacktes Baby, die zukünftige Menschheit. Eine primitive technische Apparatur erhält es notdürftig am Leben. Messgeräte senden Daten auf Displays. Konfrontiert mit den sichtbaren Konsequenzen seiner Überzeugungen, krümmt sich der Angeklagte schuldbewusst auf dem Boden. Ein Bandgerät mit der Aufzeichnung seiner Gedanken wird abgespielt. Der Versuch die Ohren zu verschließen, bleibt ohne Auswirkung, er ist hermetisch mit dem Gerät verbunden und sein Gehirn ist direkt verkabelt. Auf den drehenden Spulen des Aufzeichnungsgerätes befindet sich das auf den Kopf gestellte Leben des Angeklagten, den Lebenstanz vollziehend.
Im Zeugenstand, ebenso aber auch als Angeklagte, 52 Zeugen, die Wochen des Jahres repräsentierend. Diese Männer, ausnahmslos bekannte historische Persönlichkeiten, stehen zielstrebig und selbstbewusst für ihre Ideen ein. Eine Parallele zu Dante ist offensichtlich: In seiner Göttlichen Komödie zitiert er bedeutende Gestalten aus Mythen und Geschichte.
Der angeklagte Maskenträger bittet Zeugen in den Zeugenstand, um die Welt, seine Sicht der Welt und die damit verbundenen strukturellen Handlungsmuster, welche maßgeblich durch einflussreiche Denker, Wissenschaftler und Religionsstifter bestimmt sind, zu rechtfertigen. Jedoch tragen auch diese wichtigen Persönlichkeiten, jeder für sich, Verantwortung für die Existenz unserer heutigen Realität. Dies gilt im Guten wie im Schlechten. Auch die Ahnen, vertreten durch das Raubtierpaar vor dem Fenster, warten auf ihre Vernehmung, da sie einen erheblichen Beitrag zur Persönlichkeit des Angeklagten beitragen.
Wie aber lautet die Anklage? Dem Menschen wird vorgeworfen, sich der Verantwortung für die Welt, wie sie sich ihm präsentiert, zu entziehen! Dies gilt auch für potentielle zukünftige Welten.
Sowohl das geflügelte Schwein, als auch der bekorbte Flötenspieler, deuten auf die Möglichkeit einer völlig anderen Welt, an der der Angeklagte aufgefordert wird, in vollem Umfang mitzuwirken. Das Turiner Grabtuch, hinten an der Wand, versinnbildlicht am Leben Jesu, mit welchem Einsatz und mit welcher Wirkung Veränderungen der Welt nötig und möglich sind. Der Fernsehturm zeigt auf den Elefanten in der Straßenbahn, das Gleichnis für Unvergesslichkeit. Der Nachhall, den jeder Mensch in der Welt durch sein Wirken verursachen kann, läßt sich vielleicht noch in 2000 Jahren vernehmen.

 

 

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