Station 28 - TRANSFUSIONSLUST

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Jochen Schweizer Videokunst Lichtinstallation Projektion Kollage Compositing Klang supra-media-art Performance

 

 

Text2

hoffende ahnung
umschwirrt den geist
ein traum geschieht
und die idee wird wahr

sonnengesänge
paralysieren den raum
götter heben den blick
und schenken notiz

lebensapparate
im hauche der wonne
treibgüter der lust
formatieren das licht

liebesaufnahme
stillt metavenös
verbindung total
das leben erlischt

gammastrahlenausbruch-
die kollektivdramatische wende




TEXTE

Text1

verderbliche feuchte
gerinnt in
kommunizierenden röhren
meine damen und herren
die epoche der geometrie

entsaugung des blutes
erreicht den
terrestrischen nullpunkt
ihr unwissenden toren
gespeist von den sagen der lust

kardiale hoffnung
nährt den
verdichteten traum
glaubt der mensch
die gottgleiche metafusion

blutende neuzeit
vertreibt ihre
ersehnte befürchtung
sage ich euch
so kann das trugbild gelingen

ElÄuterungen

Lust der Vereinigung.

In einem durch eine Mauer begrenzten Raum findet sich ein blutgetränktes Meer, auf dessen Oberfläche der Protagonist, sowie zahlreiche Kopien seiner Selbst treiben. Über der Menschheit im Zentrum des Bildes schwebt eine Flügelgestalt.
An dieser Station zeigt sich besonders deutlich, dass je nach gewähltem Ausgangsblickwinkel, die Deutung eine völlig unterschiedliche, ja konträre sein kann. So wird klar, dass die individuelle, oftmals unbewusst eingenomme Haltung, die psychische Disposition, an der Konstruktion der Wirklichkeit einen nicht unerheblichen Anteil trägt.
Das insektenhafte, zentrale Wesen, ein Säugetiermonster mit Menschenbeinen, entsaugt über sein Sexualorgan der Menschheit ihren Lebenssaft. Eingeschlossen, umgeben von einer riesigen himmelbedeckenden Mauer, auf der sich undeutlich und verwittert das Turiner Grabtuch erahnen lässt, treiben die kraftlosen Protagonisten sterbend auf einer riesigen Blutlache. Ein Bild des unermesslichen Leides menschlichen Daseins, die Hölle.
Keiner kann entkommen, da alle Menschen mit Transfusionsschläuchen untereinander verbunden sind und so das übergeordnete Insektenwesen mit ihrem Blut ernähren. Der Austausch von Körperflüssigkeiten in das Sexualorgan des Insekts, erinnert an die ohnmächtige, hörige und der Lust erlegenen Triebhaftigkeit einer pheromonal (Insekt) gesteuerten, leidenschaftlichen Sexualität. Die größte Lust und die gleichzeitige Aufgabe der Individualität führen zur Willenlosigkeit und damit zum psychischen Tod.
Die zweite Interpretation verhält sich zur ersten komplementär: Die Menschheit ist über das Blut (Blut Christi) der Lebensenergie miteinander verbunden. Sie erschafft sich ein gottgleiches Wesen, den lichten, engelartigen Falter, als Projektion ihrer idealen Wünsche. Dieses Ideal wird genährt durch die Lebens(Liebes)energie. Die Erreichung dieses Zieles erfordert Kraft (Blut). Diese gemeinsam zu vollbringende Kraftanstrengung verbindet alle Menschen miteinander. Die Menschheit schwebt wunschlos im Blut Christi. Die Idee der Liebe, als einzig glücklich machende Wirklichkeitsform. Auch das Leichentuch Christi auf der Mauer lässt sich in diesem Sinne verstehen: Christus und seine Liebe ersetzen den weltlichen Himmel, der durch die feste Mauer, das Fundament des Glaubens, alle Bewohner dieses Schutzraumes vor den Gefahren der Aussenwelt beschirmt.
Der eingenommene Standpunkt entscheidet, welche Realität wir entdecken. Himmel und Höllenansichten bilden Aspekte unserer eigenen Psyche in der Außenwelt ab, deren umfassende Komplexität nicht ohne weiteres überblickt werden kann. Unsere Interpretation der Welt dagegen, kann uns die Beschaffenheit unserer psychischen Struktur verdeutlichen.

 

 

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