Station 5 - EINBAUCHUNGSTENDENZ

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Jochen Schweizer Videokunst Lichtinstallation Projektion Kollage Compositing Klang supra-media-art Performance

 

 

Text2

unter beobachtung gemauert
registriert das all
seine schwester
die gebrandete haut

puppenspiele mit links
vertuschen den verlust
einer getrennten bindung

standarte gepfostet in hände
offenbart den entwurf
koppelt worte mit wärme

um so
den tastenden zu entblinden

wahrheit, du fingerbodensatz des scheins



TEXTE

Text1

die hirnschale wahrt
ein erträumtes geschenk
und die verzögerte geburt
erfolgt augenblicklich

dem vaterboden entwachsen
lecken eilige finger
und sorgen in winkeln
für sanftes erstaunen

tosend die brandung
und ohnegleichen
im bezirk der fühlung

gebrannte strukturen
fassen den nabel der welt



Eläuterungen

Begreifen der Welt durch Erfahrung.

Vor einem dunklen Wohnblock, in einem gleichermaßen schützenden wie kon-trollierten überschaubaren Terrain, befindet sich ein Kind mit puppenhaftem Körper. Die leeren Fensteraugen der Häuserzeile scheinen die Tätigkeit des Kindes, das Begreifen zu beobachten, seine Erfahrungen stehen unter sozialer Kontrolle. Die Gemeinschaft erklärt die Welt durch bestärkende Worte, den Lautsprechern. Der Glaube des Kindes an die Welterklärung wird erkauft durch das Wärmegefühl, dem Heizstrahler, der, verbunden mit dem Herz, die Empfindung sozialer Wärme vermittelt. Der so gebildete Rahmen bietet einen Schutzraum, in dem das Chaos, der bran-dungstosende Himmel, geordnet, erklärbar und verständlich wird.
Das von der sozio-kulturellen Umgebung vorgezeichnete Bild, das Ideal, in Form der Standarte, kollidiert mit den persönlichen, seelischen Gravuren des Individuums. Unbewusste Inhalte, teils von den Ahnen übernommene Rollen, teils seelisch-individueller Natur, angedeutet durch Leitungsstrukturen auf dem Körper, lassen den sozialen Erwartungsdruck, den Zwang zur Konformität und die gegenseitige Bestätigung der Welt wie ein Gefängnis erscheinen. Diese Einengung, die Reduktion potentieller Welterfahrungen auf die kulturell vorgezeichnete, bildet einen Konflikt für das Kind. Die den Puppenkörper zart verführenden und tragenden Hände, die Schutz bieten vor dem harten Boden der Realität, erscheinen kalt und fordernd, ein weiteres Indiz für Wünsche und Bedingungen der Gemeinschaft, die nur solange Halt gewährt, wie ihren Erwartungen entsprochen wird.
Aus leeren Augenhöhlen (analog zu den Fenstern) treten Hände, Symbol für das begreifende Verstehen. Sie sind mit Augen versehen, den Sehsinn mit dem Begreifen gleichsetzend. Wir sehen die Welt, wie wir sie erfassen.
Das Kind erscheint einsam, verloren in einer fremden Umgebung. Das sozio-kulturelle Bild der Welt, wirkt als Attraktor, als Chance in dieser Fremde zu überleben und führt an unsichtbaren Fäden die wahrheitssuchenden Hände. Die Arme sind trotzig und schützend über Kreuz geschlagen. In einer Hand findet sich die vom Ursprung getrennte Nabelschnur, die den Menschen als eigenständiges, selbstständiges und autonomes Wesen klassifiziert. Doch trotz des hohen Maßes an Eigenverantwortlichkeit ist der Mensch gezwungen seine Freiheit mit dem jeweiligen sozio-kulturellen Kontext zu synchronisieren. Unsichtbare Bindungen und Erwartungen bestehen weiterhin und können erst im Laufe der Individuation gelockert bzw. überwunden werden. In der zweiten Hand hält die Puppe eine Puppe, den Protagonisten, der hier die Rolle des Selbstbildes des Menschen vertritt. Die Erkenntnis des Getrenntseins von den Dingen lässt den Menschen mit sich selbst spielen, der Individualität, als Zuflucht oder Entschädigung für die ungewollte Zweiheit.
Auf der Standarte findet sich auch der Knüppelbeinantrieb, die Antriebskraft, die hier in Form von Leistungserwartung an das Individuum herantritt.

 

 

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